Ich bin hochsensibel, na und?

hochsensibel

Ich bin hochsensibel.

So weit so gut.

Was denkst du jetzt über mich, wenn du dies liest?

Glaubst du, ich bin ein Weichei, eine überempfindliche Heulsuse? Denkst du, ich bin unflexibel, nicht belastbar? Denkst du, ich kann mich nicht durchsetzen und rede den ganzen Tag nur über meine Energien? Denkst du, hochsensible Menschen kommen einfach mit ihrem Leben nicht klar?

Dann lass dir sagen, du irrst dich.

Hochsensibilität ist weder eine Schwäche noch eine Störung. Es ist auch keine Krankheit, die wegtherapiert werden muss oder kann. Hochsensible Menschen haben auch nicht zwangsläufig Schwierigkeiten im Leben.

Was ist Hochsensibilität?

Ender der 90er Jahre fand die amerikanische Psychologin Elaine Aron heraus, dass manche Menschen feinfühliger sind als andere. Sie nehmen mehr Reize über ihre Sinne auf als gewöhnlich und verarbeiten diese auch intensiver. Das Nervenkostüm bzw. der entsprechende Filter von hochsensiblen Menschen ist sozusagen durchlässiger.

Aron  nannte sie Highly Sensitive Persons (Hochsensible Personen). Zugegeben: das Wort hochsensibel klingt komisch. Ich verwende es einfach, weil es sich als Begriff dafür eingebürgert hat. Stattdessen könnte ich auch feinfühlig sagen, empathisch oder zart besaitet. Klingt aber auch nicht besser. Also belasse ich es bei hochsensibel.

Studien zufolge sind bis zu 20 Prozent der Bevölkerung hochsensibel. Innerhalb der Gruppe der hochsensiblen Menschen gibt es jedoch eine große Bandbreite: Es gibt Introvertierte genauso wie Extrovertierte. Und auch die Empfindlichkeit der verschiedenen Sinne kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein.
Hochsensibilität ist keine Krankheit. Es ist einfach eine mitgegebene Disposition, ebenso wie das Temperament eines Menschen.

Bist du hochsensibel?

Feder„Im Fußballstadion ist es Ihnen zu laut, Partys sind Ihnen zu trubelig, und im Kaufhaus nervt Sie die Unübersichtlichkeit. Small Talk überfordert Sie, Musik kann Sie zu Tränen rühren, bei Gewaltszenen im Fernsehen schalten Sie ab, für Stimmungen von Mitmenschen sind Sie extrem empfänglich, und Sie ahnen aufkommende Schwierigkeiten schneller als andere.“ (Psychologie heute, Sep. 2015)

Na, fühlst du dich ertappt? Das kann ein erster Hinweis darauf sein, dass du hochsensibel bist.
Hochsensibilität wird meist durch entsprechende Fragenkataloge festgestellt. Je mehr Punkte zutreffen, desto stärker ist die Sensibilität ausgeprägt. Es kann jedoch auch jemand hochsensibel sein, bei dem nur wenige Punkte, diese jedoch mit großer Intensität, zutreffen.

Bei mir war es so, dass mir das Buch von Sylvia Harke Hochsensibel-Was tun? in die Hände viel. In ihren Beschreibungen habe ich mich sofort wiedererkannt. Ich habe das Thema dann allerdings ersteinmal verdrängt, da ich einfach nicht übersensibel sein wollte. Oberflächlich betrachtet kam mir das Ganze wie eine Krankheit oder eben eine Schwäche vor.
Aber in diesem Sommer hat mich das Thema dann doch gepackt und ich habe begonnen, mich intensiver damit auseinander zu setzen. Bis dahin habe ich immer gedacht, ich bin einfach schüchtern oder irgendwie anders.

Viele Hochsensible, mich eingeschlossen, haben schon seit schon seit ihrer Kindheit, das Gefühl, mit ihnen stimme etwas nicht. Sprüche wie: Mann, bist du sensibel! – Jetzt stell dich nich so an! – Du bist aber auch empfindlich! – Du bist so launisch! verstärken dieses Empfinden.
Daher war es für mich eine Erleichterung, festzustellen, dass ich mit meiner Wahrnehmung nicht allein bin.

Gabe oder Last?

Hochsensibilität hat zwei Seiten: Es ist eine Gabe und kann gleichzeitig auch eine Last sein.
Es gibt Menschen, die kommen sehr gut mit ihrer intensiven Wahrnehmung klar und sehen die Hochsensibiltät eher als Geschenk oder wissen gar nicht darum.
Sensible Menschen bekommen mehr mit und sehen mehr Details. Sie nehmen Stimmungen im Umfeld wahr und können Situationen schnell und treffend einschätzen. Sie haben ein reiches Gefühlsleben, lassen sich vom Leben und der Kunst sehr tief berühren, und sind oft auch selbst kreativ veranlagt. Sie können sich aufgrund ihrer empathischen Veranlagung sehr gut in andere Menschen einfühlen.

ButterflyDie andere Seite der Medaille ist, dass Hochsensible schnell von Reizen überflutet werden. Was für andere normal ist, ist für Sensible häufig schon zuviel.
Meine Schwester und ich-wir fahren z.B. nicht gern Auto. Das liegt sicher weniger an mangelnder Intelligenz sondern an den vielen Informationen, die in dieser Situation verarbeitet werden müssen.
Das sensible Frühwarnsystem der Hochsensiblen neigt außerdem eher zu Ängsten und Sorgen als bei normal Sensiblen.
Die enge Komfortzone von Hochsensiblen macht es ihnen überdies schwer, Veränderungen anzunehmen und Stress auszuhalten. Aufgrund ihrer schon erwähnten Empathie neigen sensible Menschen dazu, die Stimmungen und Energien anderer aufzunehmen. Dann fällt es schwer sich abzugrenzen und die eigenen Interessen zu vertreten.

Hochsensibilität in unserer heutigen Zeit

Sicherlich gab es schon immer hochsensible Menschen. Dass dieses Phänomen erst in jüngster Zeit entdeckt wurde, hat wohl auch etwas mit der Zeit zu tun, in der wir leben.
Eigentlich leben wir alle permanent in einer reizüberfluteten Welt. Pausenlos strömen Information auf uns ein, denen wir uns teilweise sogar freiwillig aussetzen. Jeder stille Augenblick wird möglichst schnell überbrückt. Und da wir in einer Welt leben, in der wir scheinbar alles haben können, was wir wollen, müssen wir gefälligst glücklich sein.
Das kann auch normal sensible Menschen umhauen. Leicht vorstellbar, dass es für Hochsensible oftmals umso schwieriger ist, ihren Platz zu finden.

Tipps für den Alltag

Ich möchte hier nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen.
Es ist so etwas wie eine Gratwanderung: Einerseits möchte ich mir mein Leben so einrichten, dass ich mich wohlfühle. Andererseits möchte ich meine Komfortzone auch nicht soweit einengen, dass kein Platz mehr für Abenteuer, Aufregung, Überraschungen und Herausforderungen ist. Das Leben ist ja keine Häschengrube, in der du ausharren kannst bist alle Widrigkeiten vorüber sind.

Ich versuche, das Leben zu leben, das zu mir passt bzw. ich finde es Stück für Stück heraus. Das muss niemand anderem gefallen.

Das bedeutete für mich bisher:

  • Das Aufgeben einer Karriere, die mich fast meine Lebenslust gekostet hätte. Ich hatte Erfolg, aber die Ellbogenmentalität widersprach auf Dauer meiner Natur.
  • Menschen loszulassen, die mich und meine Entwicklung nicht akzeptieren und respektieren.
  • Immernoch herauszufinden, was meine Berufung ist.
  • Im Moment: Das einfache Leben und Arbeiten in einer spirituellen Gemeinschaft. Hier ist auch nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen und es ist sicherlich auch nicht die endgültige Lebensform für mich. Dennoch traf ich hier auf mehr Verständnis für persönliche Belange des Einzelnen als bisher woanders.

Was für mich unverzichtbar ist, um mich wohlzufühlen:
Stille, Kreativität, ein ganzheitlicher Lebensstil, einen Ausgleich zur Reizüberflutung zu schaffen, meine eigenen Bedürfnisse und Standpunkte erkennen und vertreten. Und ein wichtiger Punkt: Ich versuche mich nicht mehr so stark mit anderen zu vergleichen.

Gut zu wissen

Menschen, die sich nicht zu den Hochsensiblen zählen, fühlen sich von dem Thema manchmal persönlich angegriffen. Da scheint ein Missverständnis vorzuliegen: Es geht nicht darum, Hochsensible als etwas Besonderes oder gar besser oder auch schlechter als andere darzustellen. Und normal sensible Menschen sind auch keinesfalls rohe, ungehobelte Klötze.
Es geht vielmehr darum, die Unterschiede einfach anzuerkennen – denn es gibt sie ja nun einmal. Das Wissen darum ermöglicht es uns, aufeinander einzugehen und den jeweils anderen besser zu verstehen.

weitere Infos

Lesetipp

Ich empfehle das Buch von Silvia Harke: Hochsensibel-Was tun? Es enthält viele Beispiele, praktische Übungen und Anregungen.

Hochsensibel-Test

Wenn du wissen möchtest, ob du hochsensibel bist, findest du hier einen Test.

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Wie siehst du das Thema Hochsensibilität?
Und egal ob du hochsensibel bist oder nicht: Was ist dein bester Tipp gegen Reizüberflutung im Alltag?
Schreibe es mir in die Kommentare. Ich nehme die Tipps gern in einem meiner nächsten Beiträge auf.

Bilder: unsplash.com

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Bettina,

    dein Beitrag über Hochsensibilität gefällt mir sehr gut und spricht mir in Vielem aus der Seele!
    Mein Tipp gegen zu viel Reizüberflutung im Alltag: Öfters hilft es mir, mich dann darauf zu besinnen, wann ich wieder eine Auszeit habe. Wenn zum Beispiel – so wie jetzt mehrere Tage – Handwerker, Kinder, Arbeit und sonstige Themen sehr belastend sind, denke ich an die nächste Möglichkeit, wieder zur Ruhe zu kommen (in meinem Fall am Samstag Abend). Mit dieser Fokussierung geht es mir dann meistens deutlich besser und ich kann die Situationen mit mehr Gelassenheit und Abstand sehen!

    Liebe Grüße aus Wien,
    Karin

    • Liebe Karin,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und Deinen persönlichen Tipp bei Reizüberflutung.
      Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Mir hilft es auch, den nächstmöglichen Ruhezeitpunkt im Visier zu haben. Das kann manchmal eine halbe Stunde sein, in der ich mich zurückziehe – und dann sieht die Welt schon wieder anders aus :-)
      Viele Grüße
      Bettina

  2. Hallo Bettina,

    willkommen im Club. Für mich ist es einfach eine Gabe und Ergänzung zu meinem Introvertierten- Dasein. Jeder Mensch ist anders. Ich muss nicht alles gut finden, genau wie es andere nicht müssen.

    Viele Grüße,
    Maren

    • Hallo Maren,
      lieben Dank für Deinen Kommentar.
      Und ich stimme Dir zu: Man muss nicht alles gut finden. Respekt und Akzeptanz für den jeweils anderen anderen ist schon ausreichend und macht das Miteinander leichter.
      Hast Du auch einen Tipp gegen Reizüberflutung im Alltag? Was macht Du, wenn Dir mal alles zuviel wird?

      Viele Grüße
      Bettina

      • Hallo Bettina,

        wirkliche Tipps habe ich nicht. Mir hilft es ungemein, auch mal nicht erreichbar zu sein. Ich bin dann nur für Mann und Kind ansprechbar. Ich glaube, man muss es lernen zu akzeptieren. Das Positive daraus ziehen. Und sich mit sich im reinen sein. Dementsprechend auch klar zu handeln. Ich mag es zB nicht, wenn beim Einkaufen zu viel los ist. In letzter Zeit gehe ich deswegen früh morgens und das ist dann für mich vollkommen entspannt.

        Warum sich dagegen sträuben und sich zu irgendetwas zwingen? Nur weil es die anderen machen? Ich mache das schon lange nicht mehr und es geht mir sehr gut dabei. Dieses Jahr war ich auf ungewöhnlich vielen Festen und habe Spaß dabei gehabt, auch wenn ich schon nach paar Stunden gegangen bin. Das reicht mir.

        Liebe Grüße,
        Maren

        • Hallo Maren,
          das sind doch wirklich gute Tipps: Hin und wieder nicht erreichbar oder verfügbar sein. Und vor allem: Mit sich im Reinen sein. Ein ganz wichtiger Punkt für mich.
          Lieben Gruß und noch einen schönen Sonntag
          Bettina

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